Karin Selest Buchautorin & Schriftstellerin

Mein Leben auf einem Zweimastsegler

Leben auf einem Boot
 

Eines Tages erzählte mir mein Mann, dass er sich nichts Schöneres im Leben vorstellen könne, als mit einem Segelboot über die Meere zu fahren. In der Hoffnung, mich verhört zu haben, fragte ich vorsichtshalber nach. Doch ich hatte „leider“ richtig gehört. Damit stand unser tägliches Gesprächsthema fest und bald wurde mir bewusst, dass er mir keine Ruhe lassen würde.

 

Händeringend suchte ich nach einer Lösung …

Denn mir war klar, ein Boot würden wir uns ganz bestimmt niemals leisten können. Ich spielte also auf Zeit, baute mir eine Strategie auf und sagte:
„Was hältst Du davon, wenn wir erst einmal auf einem Boot wohnen? So sparen wir die Wohnungsmiete, und da wir beide im Hafen arbeiten, auch die Fahrtkosten zur Arbeit. Hinaus in die Welt können wir später immer noch segeln.“

Das Leuchten in den weitaufgerissenen Augen meines Mannes werde ich nie vergessen und in den kommenden Wochen wurde ich verwöhnt. „Verwöhnt“ mit unzähligen Spaziergängen durch die Hafenanlagen von Denia. Natürlich kannte ich den Grund genau und wusste, dass es reiner Eigennutz meines Schätzchens war. Und so, wie es kommen musste, sahen wir eines Tages dieses eine Boot. Ich muss zugeben, beim Anblick des uralten Zweimastseglers geschah etwas mit mir, was ich nur schwer beschreiben kann. Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick.

In der Gewissheit, den Kaufpreis niemals aufbringen zu können, zückte ich mein Handy und wählte die Nummer, die auf dem Schild unter den Worten „SE VENDE“ stand.
Nur einen Tag später musste ich mir eingestehen, dass ich mit meiner Strategie gescheitert war. Der Kaufpreis war vertretbar und der Verkäufer überdies noch mit einem Mietkauf einverstanden.
Ich saß also in der Falle. Um mir zumindest einen Fluchtweg offen zu halten, stellte ich die Bedingung, dass unser neues Leben auf diesem Boot vorerst nur auf Probe sei. Mein Mann zeigte sein verführerischstes Lächeln, nahm mich in den Arm und nickte zufrieden.

 

Das ist jetzt über zehn Jahre her – und ich liebte dieses, unser Leben.

Wir lebten auf dem Wasser, arrangierten uns mit der Natur und erlebten sie viel intensiver.
Wasser ist nass, Wind ist windig, Sommer ist warm und Winter ist kalt. Wind, Regen, schwitzen, frieren, Schiffsbewegungen und manchmal gespenstige Geräusche. Am Anfang war es ungewohnt zu hören, wie die Taue gegen die Masten schlugen und die Leinen ächzten, wenn die Strömung mit dem Schiffsrumpf spielte.
Doch bald schon gehörte es einfach zu unserem Leben dazu. Das Knarren der Taue klang übrigens besser, als das Schnarchen meines Mannes (er behauptete das gleiche von mir).
War es einmal ganz still, fehlte uns etwas. Meistens gingen wir dann an Deck und schauen nach, ob wir noch im Hafen liegen würden, oder schon längst abgetrieben waren.
Wenn sich das Schiff mit der Strömung bewegte, schliefen wir fast wie in einer Hängematte ein.

Bei Sturm war es so manches Mal überhaupt nicht lustig. „Al fondo“ – starke Strömung unter Wasser, brachte das Boot gehörig ins Schlingern. Dann erlebten wir abenteuerliche Stunden. Fender mussten umgehängt, Taue kontrolliert oder notfalls gewechselt, und die Schiffsleiter gesichert werden. Hoch- und hinabsteigen über die Leiter, wurde zur Mutprobe.
Allerdings schwankte das Boot auch unter den Füßen und die Leiter entpuppte sich als drohendes Unheil, wenn man etwas tüdelig war.

 

Leben auf einem Boot ist ein unglaubliches Lebensgefühl.

Von Jahr zu Jahr bekamen wir seltener Lust auf die Stadt. Wir hatten uns an die Freiheit gewöhnt. Wenn wir an Deck saßen, starrten wir nicht auf Hauswände. Unser Blick fing den blauen Himmel ein, folgte den Wolken oder Sternen. Über uns kreisten Möwen und neben dem Schiffsrumpf schwammen manchmal unzählige kleine und große Fische. Wir blickten über den Hafen zur Hafenausfahrt. Nachts genossen wir die Ruhe des Hafens, seine Beleuchtung und die der anderen Schiffe. Im Sommer lernten wir Menschen aus verschiedenen Ländern kennen, die für ein paar Tage Rast machten.

 

Das Leben auf dem Boot fand nicht nur an Deck statt

Speziell für mich war unser Schiff meine Höhle, in die ich mich verkriechen konnte. Ich schob die Luke zu und fand Ruhe vor der Welt. Als Kind war ich oft bei meiner Oma im Garten gewesen. In ihrem Gartenhäuschen, vollkommen aus Holz, fühlte ich mich wohl. Das Schiff erinnerte mich daran. An die Gemütlichkeit, die Romantik und an die Freiheit.

Ich bin altmodisch. Nicht alles muss neu, modern und schön sein. Gerade die alten Sachen, die nicht neugestrichenen Wände, das nicht neulackierte Holz gaben mir Geborgenheit und Wärme. Unser Boot trug seine und unsere Erinnerungen an gute und weniger gute Zeiten. Gemeinsam wurden wir älter.
Im Laufe der Jahre verloren viele Dinge ihren Wert für mich. Ich brauche bis heute keine vollgestellte Schrankwand, kein edles Porzellan, keinen Prunk und keine Klischees, wie Spitzendeckchen usw.
Natürlich mussten Schiff und Geräte intakt sein. Alles andere durfte meiner Romantik zuliebe „Macken“ haben.

Ein Schiff ist nicht so groß wie ein Haus. Jeder Stauraum muss genutzt werden, es gibt keinen toten, ungenutzten Raum. Überflüssiges flog auch bei mir einfach von Bord. Kleine Anmerkung: Meinen Mann habe ich bis zum Schluss behalten.
Größere Besucher mussten natürlich an manchen Stellen den Kopf ein bisschen einziehen. Gefeiert wurde nur im kleinen Kreis oder das Treffen ins Chiringuito (eine kleine Bar im Hafen) verlegt. Und das war sehr gut so. Ich hatte keinen Stress und hinterher keinen Abwasch. Zumindest war das ein wohltuender Nebeneffekt.

 

Unser Schiff war ein schwimmendes Holzhaus mit Betonsockel und Dachterrasse.

Alles auf geringstem Raum. Doch winzig war dieser Raum dennoch nie gewesen. Neben meinem Mann und mir fand auch unser Labrador Benny ausreichend Platz. Zum Schlafen verkroch er sich in seine „Höhle“ unter der gemütlichen Eckbank im Wohnzimmer (Salon). Wir gingen dazu in unser Schlafzimmer, was mit einer geräumigen Nische genügend Platz für Garderobe und andere Dinge bot.

Eine Büroecke, einen Bereich für die Waschmaschine und den Trockner sowie einen Raum für Vorräte und Werkzeuge. Toilette, Dusche und Waschbecken fehlten ebenfalls nicht. In der Küche gab es alles, was ich brauchte, Herd, Mikrowelle, Ceran-Kochfeld, Spüle und genügend Schränke. Für Kühlschrank und Gefrierschrank hatten sich auch günstige Plätze gefunden. Das Wasser kam aus der Leitung bzw. dem Schlauchanschluss. Der Batteriestrom half uns, wenn einmal der „richtige“ Strom ausfiel.
Ohne Warmwasser, Heizung, Klimaanlage und eine Antenne für Telefon, Internet und TV, wäre es natürlich kein richtiges Wohnboot gewesen. Dank einem Laptop und Drucker bereitete mir das Schreiben auf dem Boot immer wieder Spaß.

Die Reparaturen gestalteten sich leider oft teurer und aufwendiger, wie in einem Haus. Meist funktionierten die simpelsten Dinge nicht ohne Weiteres und mussten immer wieder zum Funktionieren gebracht werden. Und größtenteils war es so, wenn das Eine ging, sagte das Andere keinen Ton mehr. Aber das Leben auf unserem Boot machte erfinderisch und kreativ. Am Ende waren wir immer wieder stolz auf uns.
Wir haben gelernt, was im Leben wichtig ist und nahmen kleine Wunder nicht mehr für selbstverständlich. Wir schätzten sie, staunten und freuten uns über sie. So wie uns der selbsterfundene Lift begeisterte, den wir für unseren betagten Hund Sammy eingebaut hatten. Leider mussten wir vor einigen Jahren von Sammy für immer Abschied nehmen.

Im Internet habe ich Folgendes gelesen:

„Das Leben auf einem Boot ist nicht nur ein Abenteuer. Es ist spartanisch, wie aufregend und zeitaufwendig. Man lebt sehr bewusst. Manchmal ist es nass, kalt, kompromisslos, dreckig und buchstäblich Scheiße. Aber immer wieder unbeschreiblich schön.“

 

Gegen alle Vorurteile, die es gibt, und dem Vergleich, wie Zigeuner zu leben, unterschreibe ich diese Worte voller Überzeugung. Ein Zuhause auf dem Wasser

Auch wenn wir mittlerweile dem Hafen-Leben den Rücken gekehrt haben. Denn so wie unser Schiff, sind auch wir in die Jahre gekommen zu sein. Oder anders beschrieben – die wilden Jahre sind vorbei!

Doch wenn man glücklich und so lange wie möglich gesund leben darf, ist es gleich, wo man sein Zuhause findet. Deshalb blicken wir jetzt nicht mehr auf das Meer, sondern auf grün bewachsene Berge.